Die Mär vom goldenen Lebensabend?

Von den „best agern“ keine Spur – jedenfalls nicht, wenn man den am 31. August  zum zweiten Mal veröffentlichten Bericht des Spitzenverbandes der Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDS) liest. Demnach wird fast jeder zehnte Heimbewohner nicht ausreichend versorgt und auch in der Pflege zu Hause zeigen sich in jedem zwanzigsten Fall gravierende Mängel. Erschreckend auch: Die menschenunwürdigen Zustände in Deutschlands Altenheimen werden nicht zum ersten Mal angemahnt. Doch geändert hat sich, so der aktuelle MDS Bericht, im Verhältnis zu 2003 nur wenig.

Über 400 Bewohnerinnen und Bewohner werden in den 4 Einrichtungen des Barmherzige Brüder Trier e. V. im Saarland und in Rheinland-Pfalz betreut. Wir fragten Günter Mosen, verantwortliches Vorstandsmitglied, welche Konsequenzen dieser Bericht für den BBT e. V. hat:

Herr Mosen, für wie seriös halten Sie die Ergebnisse, die der jüngste MDS-Bericht am 31. August 2007 vorgestellt hat?

Foto von Günter Mosen
Günter Mosen
Sicher kann und muss man bei manchen Zahlen sehr vorsichtig sein, was die Bewertung angeht, vor allen Dingen, wenn in einigen Medien sehr plakativ nur über das Negative berichtet wird und positive Veränderungen – immerhin stellt der MDS-Bericht ja auch fest, dass gut 90% der Pflegebedürftigen mit ihrer Pflege weitestgehend zufrieden sind – unerwähnt bleiben. Doch dass der MDS hier seriös vorgegangen ist, daran besteht für mich kein Zweifel. Die Zahlen, die der MDS veröffentlicht, sind nicht neu und schon lange bekannt. Was der MDS-Bericht nicht umfasst und auch gar nicht seine Aufgabe ist, ist eine statistische Aufzählung der Ursachen für diese Missstände in der Altenpflege in Deutschland. Wer seit Jahrzehnten an der Altenhilfe spart darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann die Rechnung präsentiert bekommt. Es ist gut, dass der Bericht erneut verdeutlicht, wie hoch hier der Handlungsbedarf in unserer Gesellschaft ist.

Gelten die vom MDS kritisieren Zustände auch für die Einrichtungen des BBT e V.?

Nein. Auch wenn ich mir wünsche, dass unseren Mitarbeitenden in den Einrichtungen mehr Zeit für die Pflege sowie für das persönliches Gespräch und weniger für die sehr aufwändigen und vorgeschriebenen Dokumentationen bliebe. Denn nicht alle Vorschriften nützen den Bewohnern: Für die Zuordnung in einer der Pflegestufen sieht der Gesetzgeber die folgenden Zeitvorgaben vor:

  • Zahnpflege, 5 Minuten
  • Kämmen, 1 bis 3 Minuten
  • Stuhlgang (Intimhygiene, Toilettenspülung), 3 bis 6 Minuten
  • Richten der Bekleidung, insgesamt 2 Minuten
  • Mundgerechte Zubereitung einer Hauptmahlzeit, einschl. der Bereitstellung eines Getränkes, 2 bis 3 Minuten
  • Einfache Hilfe zum Aufstehen/zu Bett gehen, 1 bis 2 Minuten
  • Umlagern, 2 bis 3 Minuten
  • Transfer auf den bzw. von dem Rollstuhl/Toilettenstuhl, 1 Minute

So sehr mich die Darstellung in den Medien oft genug ärgert, weil sie nur die schwarzen Schafe, nicht aber die Herde der gut geführten Wohnheime vorstellt, wundern muss man sich bei diesen Vorgaben nicht, wenn mal wieder von den „menschenunwürdigen Zuständen in den Altenheimen“ die Rede ist. Würden unsere Mitarbeitenden hier nicht mit viel Engagement und noch mehr Entschlossenheit die Zuwendung zu unseren Bewohnern als ihre eigentliche Aufgabe zu ihrer Sache machen, bliebe bei diesen Vorgaben in den Tat wenig Lebensqualität. Das wissen übrigens auch die Angehörigen und zum Glück die Menschen, die einen Heimplatz für ihre Verwandten bei uns suchen. Die seit Jahren sehr gute Belegung und Nachfrage in unseren Altenheimen in Münstermaifeld, Plaidt, Rilchingen und Trier spricht hier für sich.

Woran können sich alte Menschen und deren Angehörige orientieren, wenn sie nach einem Heimplatz suchen?

Die Forderung des MDS, Prüfberichte zu veröffentlichen, ist sicherlich eine Möglichkeit. Aber Zahlen geben keine Auskunft darüber, ob man sich auf die individuellen Bedürfnisse eines Bewohners wirklich einstellt. Das eine ist, die Pflege eines alten Menschen nach vorgegeben und messbaren Zahlenwerten zu beurteilen; das andere, einen Menschen nach ethischen Wertmaßstäben zu betreuen.
Die beste Orientierung bietet der direkte, persönliche Kontakt. Menschen, die nach einem Heimplatz suchen, sollten einen Gesprächstermin vereinbaren, sich das Haus zeigen lassen, mit den Mitarbeitenden, Bewohnern und deren Angehörigen sowie den ehrenamtlichen Helfern sprechen und  sich selber einen Eindruck verschaffen. Welchen Eindruck hinterlässt das Haus? Wie flexibel reagiert der Anbieter eines Wohn- und Pflegeplatzes auf Sonderwünsche? Ist ein Haus bereit, dies auch vertraglich zu zusichern? Werden die Angehörigen eingebunden, wenn der Betroffene dies wünscht? Wie ist der allgemeine Ruf der Einrichtung in der Region? Diese und weitere Fragen schaffen hier mehr Klarheit als noch mehr Statistiken.

Wie wird die Qualität der Pflege in den Einrichtungen der BBT-Gruppe kontrolliert?

Mit einer Ausnahme, unser Seniorenzentrum Sankt Josef in Münstermaifeld wird z. Zt. umfangreich modernisiert und umgebaut, sind alle unsere Einrichtungen als erste in Rheinland-Pfalz und dem Saarland nach den internationalen Prüfkriterien der DIN EN ISO 9001:2000 Norm in 2006 zertifiziert worden. Wichtiger als die Bescheinigung, dass wir diese Vorgaben erfüllen, sind die Anregungen und Verbesserungsvorschläge, die wir während der Zertifizierung bekommen haben und umsetzen konnten. Da es mit dieser Zertifizierung alleine nicht getan ist und weitere Überprüfungen regelmäßig stattfinden, können wir diesen Standard auch in Zukunft überprüfen lassen und weiterentwickeln. Selbstverständlich prüft auch bei uns – angemeldet und unangemeldet – der Medizinische Dienst der Krankenkassen sowie die Heimaufsicht des Landes. „Katastrophale Missstände“, von denen jetzt einige Medien sprechen, hat keine MDK- oder sonstige Prüfung in der Vergangenheit in unseren Altenheimen festgestellt, aber natürlich auch aufgezeigt, wie wir uns verbessern können.

Was sind aus ihrer Sicht die Ursachen für die erschreckenden Ergebnisse des Berichtes?

Ich hatte schon gesagt, dass man sich nicht über die Höhe der Rechnung wundern darf, die man zahlen muss, wenn man jahrelang an der Pflege gespart hat. Dazu zählt auch die Absenkung des Fachpersonals auf eine Mindestquote von 50% ausgebildete Altenpfleger. Auch sollte niemand ernsthaft glauben, dass mit dem menschenverachtendem „Import“ vermeintlich preiswerter Pflegekräfte aus den osteuropäischen Ländern die Qualität der Pflege steigt.

Aber es geht nicht nur um Geld. Es geht auch darum, wie sich das Wertbewusstsein in unserer Gesellschaft geändert hat, welchen Stellenwert wir heute „Alter“ und „Altsein“ beimessen – Menschen nicht nur werbetechnisch als „best agers“ schätzen sondern für alte, pflegebedürftige Menschen heute genauso das Beste wollen, wie wir es in Zukunft für uns selber wünschen.

Werden die derzeitigen Überlegungen für eine Pflegereform ausreichen, an diesen Zuständen nachhaltig etwas zu ändern?

Es ist gut, dass in die Politik Bewegung kommt: Die vorgesehene Erhöhung der Pflegesätze, gerade für an Demenz erkrankte Menschen, ist lange überfällig. Die zusätzliche Entlastung für Angehörige kann, wenn sie denn wirklich kommt, sicher an der Symptomatik „Pflegenotstand Deutschland“ ein wenig herumdoktern. Mit einer wirklichen Reform der Pflegeversicherung hat das aber wenig zu tun. Hier werden wir uns nach dem Willen der jetzigen Bundesregierung bis zur nächsten Legislaturperiode gedulden müssen. Ich fürchte, auch der nächste Bericht des MDS in vier Jahren wird leider keine nennenswerten Verbesserungen aufzeigen.

Was müsste ihrer Meinung nach geschehen, damit eine Trendwende eintritt?

Erstens sollte man nicht meinen, dass man mit spektakulären ad hoc Aktionen und populären Forderungen an die Politik die Ursachen für die vom MDS konstatierten Zustände nachhaltig verbessern kann. Das, was wir heute leider zur Kenntnis nehmen müssen, ist die Folge einer langjährigen Entwicklung und einer Politik, die offensichtlich zu lange und zu gerne an die Finanzierbarkeit der Pflege glaubte, als von den Vertretern in den Spitzen- und Wohlfahrtsverbänden schon genau dieses Szenario vorhergesagt wurde. Zweitens müssen die guten Ansätze in der aktuellen Diskussion um die Reform der Pflegeversicherung weitergeführt werden. Wichtige Anregungen haben der Deutsche Caritasverband (DCV) und andere Wohlfahrtsverbände gegeben. Drittens müssen wir uns in der Tat fragen, was jenseits von Politik und Rahmenvorgaben mit unserer Wertekultur passiert ist. Die Aufgabe familiärer Bindungen, das Scheitern von Beziehungen und unsere Unfähigkeit, das Alter zu würdigen, hat sicher auch mit dem Druck zu tun, sich in einer zunehmend komplexen Welt beruflich und privat in immer kürzen Zeiträumen orientieren zu müssen. Und Manchem geht dabei die Orientierung leider verloren. Es ist sicherlich notwendig, wenn wir uns wieder mehr darauf besinnen, was wirklich im und für das Leben zählt.

Mit Günter Mosen sprach Martin Fuchs, Chefredakteur des Magazins FORUM des Barmherzigen Brüder Trier e. V..
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