Sterben im Krankenhaus

Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Sterbens im Krankenhaus

Krankenhäuser sind der häufigste Sterbeort. Dennoch erschweren dort Systemzwänge wie eine gesellschaftliche Kultur der Lebensverlängerung und Lebenssteigerung einen individualisierenden Umgang der Beteiligten mit dem Sterbeprozess. Dr. phil. Ulrich Griegoleit, stellvertretender Schulleiter der Krankenpflegeschule am Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn, setzte sich mit dieser Problematik wissenschaftlich auseinander.
 
In seiner Studie, die zur Promotion an der Universität Paderborn führte, setzt sich Griegoleit mit der Todeswirklichkeit als individueller und institutionalisierter Erfahrung auseinander. Unter Berücksichtigung verschiedener Blickwinkel werden Bedingungen des (Nicht)Handelns in der Begleitung Sterbender durch professionelle Bezugspersonen im Versorgungs- und Lernort Krankenhaus untersucht. Dabei stellt er eine bedenkenswerte Diskrepanz fest: Obwohl Krankenhäuser der häufigste Sterbeort sind, erschweren dort Systemzwänge wie eine gesellschaftliche Kultur der Lebensverlängerung und Lebenssteigerung einen individualisierenden Umgang der Beteiligten mit dem Sterbeprozess. Im Mittelpunkt der Arbeit steht weiterhin die Frage nach institutionellen und pädagogischen Ansatzpunkten im Bereich der Pflegeausbildung zur Entwicklung einer abschiedskulturellen Haltung im Spannungsfeld von Systemrationalität und Patientenorientierung.
 
Ein Blick in die 406-seitige Arbeit macht deutlich, dass Griegoleit zunächst die Herausbildung abschiedskultureller Umgangsweisen zwischen Verdrängung und Sichtbarkeit analysiert. Um gegenwärtige Verhaltensweisen zu verstehen und (Dis)Kontinuitäten aufzuzeigen, beginnt die Auseinandersetzung bei der spätmittelalterlichen Grabstätte auf dem Kirchhof und endet mit dem postindustriellen Friedhof ohne Tote, wie er gegenwärtig in Internet-Gedenkportalen zu finden ist.
In diesem Zusammenhang wird auch das Instrument der Patientenverfügung untersucht, um zu klären, ob es sich de facto um eine Bürgschaft selbstbestimmten Sterbens handelt. Im weiteren Verlauf werden Sterben und Tod in wissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive betrachtet. Dabei wird unter anderem Bezug genommen auf beeinflussende Faktoren in der Interaktion Sterbender und Bezugsperson, die sich aus der Sterbebewusstheit, den Sterbeprozessphasen und der Haltung des Helfers gegenüber seiner eigenen Endlichkeit ergeben. Wie letztere erworben werden kann, ist Gegenstand einer sogenannten „Death Education“ (Bildungsprozesse zum Umgang mit Sterben und Tod), deren Ursprung und Empfehlungen thematisiert werden. Des Weiteren wird der Umgang mit Todkranken in den Lernorten der Pflegeausbildung unter Berücksichtigung gesetzlicher Intentionen und ökonomischer Rahmenbedingungen analysiert. Dabei wird beispielsweise erörtert, unter welchen Bedingungen eine Sterbebegleitung stattfinden muss, und welchen Stellenwert diese im gegenwärtigen Finanzierungssystem durch die Krankenkassen (G-DRG-System) einnimmt. Aus den bisherigen Untersuchungsbefunden werden Hypothesen abgeleitet und an der Realität Auszubildender im Lernort Krankenhaus überprüft. Als pädagogische Konsequenzen ergeben sich subjektorientierte Lehr- und Lernprozesse mit Fokussierung der konkreten Situationsbewältigung im Pflegealltag. Auch wenn mit diesen Impulsen einerseits die abschiedskulturelle Entwicklung bei den Auszubildenden der Pflege gefördert werden kann, bleibt andererseits der Tod eine unergründbare Grenzerfahrung.
Griegoleits Dissertation trägt den Titel „Umgang mit Sterben und Tod in der Institution Krankenhaus: Zur Entwicklung einer abschiedskulturellen Haltung in der Pflegeausbildung.“ (ISBN 978-3-631-63052-5)
Griegoleit
Dr. Ulrich Griegoleit hat sich mit dem Thema Krankenhaus als Sterbeort wissenschaftlich auseinandergesetzt.

Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit.