Problemorientiertes Lernen in der Pflegeausbildung

Die Ausbildung in den Pflegeberufen hat 2004 einen neuen gesetzlichen Rahmen erhalten.Pflegende haben mit „Gesundheits- und Krankenpfleger(in)“ eine neue Berufsbezeichnung, die theoretischen Unterrichtsstunden wurden aufgestockt und die Prüfungsmodalitätenhaben sich verändert. Ein Blick in die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung zeigt, dass der Gesetzgeber sich die Struktur des Lernfeldansatzes zueigen gemacht hat, indem nicht mehr die klassischen Unterrichtsfächer, sondern vielmehr zwölf so genannte Themenbereiche die Lehrinhalte gliedern. In den Ausführungen hierzu zeigt sich die Zielsetzung einer umfassenden Handlungskompetenz, die mit der Pflegeausbildung erworben werden soll. Diese Zielsetzung kann sich jedoch nicht in der Frage nach hierfür geeigneten Inhaltenerschöpfen, sondern muss sich auch in dafür geeigneten methodisch - didaktischen Konzepten wieder finden. Dieser Ansatz ist zunächst nicht neu. Die Instruktionspsychologieerfährt seit Jahren einen Wandel hin zu schüleraktiven und handlungsorientierten Methoden mit denen die Auszubildenden neben einer breiten Wissensbasis eben auch Handlungskompetenz erwerben sollen.
Problemorientiertes Lernen im Sinne des Problem-based-Learning-Konzepts ist ein Ansatz, der für sich beansprucht, viele Forderungen an moderne Vermittlungsmethoden in sich zuvereinen. Problemorientiertes Lernen versteht Lernen als Resultat der aktiven Auseinandersetzung des Lernenden mit berufsalltagsnahen Problemen.


Was heißt „Problemorientiertes Lernen“?

Der Ansatz des Problem-based-learning lässt sich zurückführen auf die Einrichtung eines Kurses im Medizinstudium an der McMaster-Universität im kanadischen Hamilton Mitte der sechziger Jahre.
Problemorientiertes Lernen (POL) im Sinne des Problem-based-learning-Konzepts wirdinternational unterschiedlich methodisch umgesetzt – es gibt also nicht „das POL“. Allen Umsetzungsformen gemeinsam ist jedoch, dass der Ausgangspunkt für das Lernen einProblem bzw. ein Szenario – meist geschildert in Form eines verschriftlichten Fallbeispiels -darstellt, welches in Kleingruppen- und Einzelarbeit bearbeitet wird. Am Schluss steht die Überprüfung der Lernergebnisse am Ausgangsproblem. Problemorientierung an sich lässt sich am besten darstellen, in dem es dem Begriff derStrukturorientierung quasi als polarer Gegenpol gegenübergestellt wird.
„Strukturorientierung“ bedeutet eine Strukturierung von Lernstoff entlang derfachwissenschaftlichen Struktur; die Auszubildenden lernen beispielsweise zunächst die Anatomie eines Organs, z.B. des Herzens, anschließend die Erkrankungen des Herzens, dann die pflegerelevanten Aspekte bei Herzerkrankungen und zum Schluss die Arzneimittel, mit denen Herzerkrankungen therapiert werden.
„Problemorientierung“ dagegen heißt, dass von einer konkreten, komplexen Situation, die für die Lernenden ein Problem darstellt, ausgegangen wird. Anhand des Fallbeispiels ermitteln die Lernenden ihre Lernziele und erarbeiten das notwendige Hintergrundwissen zur Lösung des Problems. Zum Schluss erfolgt die Rücküberprüfung des Gelernten am Ausgangsproblem.

Ziele des Problemorientierten Lernens

Die Ziele, die mit problemorientiertem Lernen allgemein angestrebt werden, werden von verschiedenen Autoren wie folgt beschrieben:

•Wissenserwerb im Zusammenhang mit der späteren Anwendungssituation,
•Fertigkeiten zum lebenslangen Lernen,
•Erlangung einer wissenschaftlichen Denkweise,
•Schulung in Kommunikationsverhalten,
•Selbstdisziplin,
•Erwerb von analytischem, logischem Denken,
•Fähigkeit zur Selbstreflexion.


Der Siebensprung als Bearbeitungsmethode für Problemaufgaben

Im Problemorientierten Lernen gibt es verschiedene Aufgabenarten, die jeweils mit unterschiedlichen Methoden bearbeitet werden. Der Siebensprung ist eine systematische, schrittweise Herangehensweise an sog. Problemaufgaben.

In der folgenden Tabelle werden die Schritte einzeln dargestellt:
 Schritt Ziele 
Phase I: Kleingruppenarbeit
1. Klärung unklarer Begriffe       
 

Schaffung einer gemeinsamen Ausgangsbasis für alle Teilnehmer

 
 2. Problemdefinition Eingrenzung des zu bearbeitenden Bereichs
3. Problemanalyse/Brainstorming Aktivierung des Vorwissens der Gruppenmitglieder
4. Systematische Vertiefung Definition von zu klärenden Fragestellungen
5. Lernzielformulierung Formulierung von Lernzielen als Brücke zwischen den
Fragen und dem Wissen
Phase II: Einzelarbeit
6. Selbstständiges Studium
 
Bearbeitung der Lernziele im Eigenstudium –
Literaturrecherche ergänzt durch praktisches Fertigkeitentraining, Expertenbefragungen, Exkursionen, etc.
 
Phase III: Kleingruppenarbeit
7. Synthese der neuen Informationen


Überprüfung der neu erworbenen Kenntnisse am
Ausgangsproblem

Pfaff (Pfaff, M.: Problemorientiertes Lernen, Weinheim 1997) hat den Siebensprung um einen achten Schritt der Präsentation und Evaluation der Lernergebnisse erweitert.


Das Fallbeispiel – Schlüsselelement zum problemorientierten Lernen

Die Fallgeschichte ist der Dreh- und Angelpunkt beim problemorientierten Lernen. Um für die Lernenden einen Lernanreiz zu bilden muss sie praxisorientiert sein und möglichst echt wirken. Nur so ist es möglich, eine Identifikation mit der Lernaufgabe zu ermöglichen. Weiterhin muss sie an Vorwissen und Erfahrungen anknüpfen. Der entscheidende Aspekt ist jedoch folgender: Die Fallgeschichte muss so konstruiert sein, dass die Schüler genau das lernen, was sie lernen sollen.


Umsetzungsstrategien

Wie bereits erwähnt wurde gibt es nicht „das POL“. Problemorientiertes Lernen kann an unterschiedliche Bedingungen durchaus sinnvoll angepasst werden. Trotzdem ist POL nicht irgendeine Methode, die ein Lehrer zwischendurch mal zur Abwechslung anwendet. POL muss in das didaktische Konzept einer Schule passen; die Methode erfordert gedanklich einen Wechsel in der Lehrerrolle hin zum Lernbegleiter. Um von problemorientiertem Lernen wirklich zu profitieren müssen sowohl Lehrer als auch die Lernenden mit der Methode vertraut sein. Deshalb muss POL nicht nur für die Lehrer umfassend methodisch eingeführt werden, sondern gerade auch für die Schüler. Auch Dozenten müssen die Methode kennen lernen, um sie in POL- Einheiten sinnvoll einbindenzu können.
Problemorientiertes Lernen erfordert weiterhin eine angemessene Schulinfrastruktur: es müssen Räumlichkeiten für Kleingruppenarbeit vorhanden sein, einegewisse Auswahl an Literatur zur Verfügung stehen, möglichst auch Internet-Arbeitsplätze nutzbar sein.


Zusammenfassung

Veränderte Anforderungen in Ausbildung erfordern Veränderungen in der Vermittlung. Dies gilt nicht nur für das „Was“ sondern besonders auch für das „Wie“ einer Ausbildung. Gefordert sind nicht mehr nur eine breite Wissensbasis, sondern gleichzeitig der Erwerb von Handlungskompetenz und die Motivation zum lebenslangen Lernen. Problemorientiertes Lernen ist eine Methode, die dazu geeignet erscheint, diese Forderungen zu erfüllen. Problemorientiertes Lernen wird international in grundsätzlich ähnlichen, im Detail jedoch unterschiedlichen Formen umgesetzt. In Europa hat sich der „Siebensprung“ als Bearbeitungsmethode durchgesetzt, eine Vorgehensweise mit  Wechsel aus Kleingruppen und Einzelarbeit mit Begleitung durch Tutoren. Die Umsetzung von POL in der Pflegeausbildung erfordert Veränderungen im Schulalltag und eine funktionierende Schulinfrastruktur. Überzeugungsarbeit im Team steht aber auch hier an erster Stelle. Der Weg dahin ist sicher nicht ganz leicht und von manchen Rückschlägen gekennzeichnet. Trotzdem sollte die Entscheidung nicht lauten „Ist POL für uns geeignet oder nicht ?“ sondern „Wie können wir POL umsetzen, damit es für uns geeignet ist?“.

Renate Fischer Dipl. Pflegepädagogin (FH)

Der Buchtipp zum Weiterlesen:Fischer, Renate:KohlhammerProblemorientiertes Lernen in Theorie und Praxis, Stuttgart 2004,